Das einzig wahre Moment Theater
Szenen aus dem Repertoire des Moment Theaters
 
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Der Traum des Traumdeuters

Ein entwichener Geisteskranker könnte er sein, der chaplineske Herr mit nervösem Gesichtszucken, der plötzlich in Siegmund Freuds Wohnzimmer steht. Aber weshalb kennt er jedes Detail aus des Seelenforschers Kindertagen und plaudert über die Zukunft, als hätte er alles schon im Fernsehen gesehen? Wieso gibt er an, vaterlos, ja sogar „ungeboren“ zu sein, dieser Herr "Sie-würden-es-mir-nicht-glauben"? Ein Mythomane also, der freudig in andere Identitäten schlüpft und nun vorgibt, der Allwissende zu sein oder doch eher jener selbst den der Atheist Freud so gründlich zu widerlegen gesucht hat? Ist gar alles nur ein Traum des Traumdeuters?

NGZ, 09. Mai 2005

Umfassend und pointenreich, voller Esprit und subtilem Witz bilanziert Eric Emmanuel Schmitt in seinem Stück "Der Besucher" die alte Frage nach Gottes Sein oder Nichtsein angesichts von Leid und Tod. Zum sich jährenden Kriegsende zeigte Patrick Schad mit dem "Einzig Wahren Moment Theater" Schmitts Stück jetzt im Kulturkeller und präsentierte eine kluge Inszenierung voller sehr schöner Elemente, der es aber gut getan hätte, wenn Regisseur Schad mittels beherztem Streichen aus Schmitts zweieinhalbstündigen Opus eine konzentriertere und temporeichere Version gemacht hätte.

Dezent und gescheit hat der Neusser Künstler Heribert Münch ein Bühnenbild geschaffen, das mit schlichten Formen den Bogen vom intellektuellen Wien der dreißiger Jahre zu einem Jederzeit der Gegenwart schlägt. Auf hohem Podest ist darin eine übergroße Porzellanvase nur durch eine schmale Standfläche geschützt vor dem langen Sturz in ihr Zerbrechen und sinnfälliges Symbol der wehrlosen Fragilität humanistischer Kultur angesichts aggressiver nationalsozialistischer Ideologie: Auch wenn der Gestapo-Beamte (erstklassig gespielt von Schad), der Freud und dessen Tochter Anna (frisch und energiereich: Dawn Starr) terrorisiert, die Vase (noch) nicht zerbricht, ahnt man doch den kommenden (Kultur-) Bruch unschwer voraus.

Konzentriert und hervorragend zeigt Marek Wrobel den Wiener Seelenforscher, der angesichts marschierender Braunhemden zornig ist auf jenen Gott, den er gerade in seinen Schriften effektiv entmachtet hat, um den Menschen selbst an die Stelle oberster Verantwortung zu stellen. Rundum brillant ist Markus Diedrich als seltsamer Besucher, ein clownesker Weiser im Stile Charlie Chaplins, schillernd zwischen Humor und Selbstironie, Trauer und Zorn über die Abkehr der Menschen, zugleich ein gewitzter Mahner vor dem "törichtesten Unglauben, törichter als alle anderen", eben dem Glauben an die Allmacht des Menschen.

Auch wenn Schmitt nichts Neues zur nicht neuen und dennoch unvermindert aktuellen Diskussion für und wider die Aufklärung beiträgt, so präsentiert er ihre entscheidenden Positionen mit Sprachkraft und abgründigem Humor. Dennoch hätte es sich gelohnt, Schmitts bisweilen weitschweifigen Dialogen mit tapferen Strichen die Stirn zu bieten.

(KatSe)