Das einzig wahre Moment Theater
Szenen aus dem Repertoire des Moment Theaters
 
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Verirrt in der eigenen Wüste

NGZ, 21. März 2006

Neuss. Sagt der Mund, was der Redner denkt? Oder spricht er ganz anderes? Ist er der "Schlittenhund des Denkens", wie der österreichische Autor Gert Jonke sagt, oder dessen Geburtshelfer wie Kleist in seinem Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" meint? Bisweilen, soviel steht fest, pfuscht er dem Redner ins Handwerk, platzt heraus mit Ungewolltem, am extremsten beim Tourette-Syndrom, das normales Sprechen durch permanente Unflätigkeiten unterbricht.

Vom Aufstand des Mundes gegen den Redner, vom Widerstreit zwischen Geschwätzigkeit und Stille, Reden und Schweigen, Wahrheit und Höflichkeit, und bei all dem auch von einer Suche nach dem im Bruch von Sprechen und Denken verlorenen Ich handelt "Redner rund um die Uhr", eine "Sprechsonate", die Gert Jonke, Logomane wie sein Landsmann Thomas Bernhard, Poetomane und Lautjongleur wie Ernst Jandl, letzterem gewidmet hat.

In der Regie von Marek Wander Wróbel zeigte Patrick Schad im Kulturkeller Jonkes bühnenreife Suada über das Sprechen und hatte dabei leider viel zu wenig Zuschauer. Denn auch wenn sich "Das einzig wahre Moment Theater" mit Jonkes Stück durchaus einen seltsamen, ebenso komischen wie verstörenden Monolog ausgesucht hat, ist dem Duo doch eine außergewöhnlich spannende, sehenswerte Inszenierung gelungen.

Witzig bis aberwitzig war jede dieser kurzweiligen rund 70 Minuten. Facettenreicher als je zeigte sich Patrick Schad unter der geschickten Regie von Wróbel, der gleich zu Beginn faszinierende Bilder für die Entstehung des Redners aus nichts als einem blutigen, pulsierenden Bündel fand. Eine beachtliche Höchstleistung gelang Schad schon allein, indem er den unerhörten Redeschwall Jonkes vortrefflich und mit fast akrobatischer Disziplin meisterte.

Ob in zornigem Monolog über die Zerstörung der Erde, der dem Mund entfährt, während sein Redner schweigen will, oder beim Versuch, das eigene Innere nach außen zu stülpen, um sich zu finden - stets geht Patrick Schad weit über seine bisherigen Grenzen hinaus, findet in der Zusammenarbeit mit Wróbel neue Gesichter, subtile Zwischentöne, mehr Oktaven als sonst.

Mimisch restlos komisch zeigt er die Entstehung des eigenwilligen Mundes, dessen Werdegang von ersten (jandlschen) Lautübungen bis zum selbstbewussten Dazwischenfunken: "Ich sage, was gesagt werden muss", behauptet der Mund, und nimmt kein Blatt vor sich, während der Redner zu jenem Sultan wird, von dem er erzählt, der sich "in der eigenen Wüste verirrt."

(KaTse)